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Gemeinwesenarbeit als Baustein gegen Rechtsextremismus

28.02.2012 Aktuelles

Gemeinwesenarbeiter_innen wissen in der Regel um die Sorgen und Nöte der Bewohner_innen im Stadtteil, verstehen die politischen Zusammenhänge (auch der übergeordneten Ebene) und haben einen Überblick über die Netzwerke und Aktivitäten in ihrem Einzugsbereich. Es gibt Kontakte zur lokalen Ökonomie, zur Stadtplanung und zur Politik. Dieser hier skizzierte Blick auf die Gemeinwesenarbeit (GWA) greift die politischen Ansätze der 1980er Jahre wieder auf, ohne die weiteren Entwicklungen auf diesem Gebiet zu vernachlässigen. Im Folgenden werden wir Vorschläge entwickeln, wie GWA extrem rechte Aktivitäten einschränken kann.

 

Gemeinwesenarbeit ist politische Arbeit
Bewohner_innen in so genannten benachteiligten Quartieren sind es gewohnt, eher eine Zuschauerrolle zu haben.¹ Die Aufgabe der GWA ist es, sie zur Gestaltung ihres Lebensumfeldes zu motivieren. Dass in diesem Segment immer wieder auch extrem Rechte unterwegs sind, zeigt sich z. B. durch Infostände (auch regelmäßig in München), Mitwirkung bei Bürgerprotesten, wie z. B. bei der Diskussion um die dritte Startbahn am Münchner Flughafen oder durch Briefwurfsendungen (mit ausländerfeindlichen Parolen z. B. im Münchner Norden), in denen „Argumente“ angeboten werden. Da heißt es dann, dass Ausländer_innen Deutschen die Arbeitsplätze wegnähmen oder ein geplanter Moscheebau kulturell bedrohend sei. GWA hat die Möglichkeit, direkter auf die Ängste und Sorgen einzugehen, aber auch ganz klar menschenverachtende Parolen zu identifizieren. Migrant_innen, die mit entsprechenden Flugblättern, die sie in ihrem Briefkasten vorfanden, in die Einrichtung kommen, können darüber informiert werden, welche Gruppe hinter den Aussagen steckt und wie stark diese Gruppe in München vertreten ist, welche Gegenaktivitäten es gibt etc. Personen, die sich die angebotene Argumentation zu Eigen machen, können mit den Konsequenzen dieser Begründungen konfrontiert werden. In beiden Fällen wird die Thematik nicht aufgebauscht oder heruntergespielt, sondern sachlich besprochen.

In der GWA wird viel von Sozialraumorientierung gesprochen. Ob es sich dabei um die Lebenswelt der Bewohner_innen, ein Quartier oder einen Stadtteil handelt, wird unterschiedlich gehandhabt. Bei allen Perspektiven ist Ausgangspunkt der Überlegungen das Interesse am Wohlbefinden der Wohnbevölkerung. Dies kann z. B. durch eine Aktivierende Befragung² ermittelt werden. Das ist eine Methode, die Interessen der Bürger_innen zu formulieren und zu bündeln, aber auch selbst organisiertes Handeln zu unterstützen. Es können auch weniger aufwändige Befragungsinstrumente eingesetzt werden, wie z. B. ein Kinder- und Jugendforum oder Diskussionen am Rande von Gruppenangeboten. In all diesen Fällen arbeitet GWA ressourcenorientiert, kooperativ und agiert vernetzend. Sie ermöglicht Begegnung und schafft Bedingungen für Möglichkeiten. Die so erkannten Fragestellungen können in verschiedene Netzwerke (z .B. Regsam³, Lernen vor Ort⁴) und Gremien (z. B. Bezirksausschuss⁵, Sozialplanung) eingespeist werden, sei es durch die Bewohner_innen selbst oder durch die Vertreter_innen der GWA. In ihrer Methodik greift die GWA auch auf die Möglichkeiten der Community Organization oder des Community Development zurück. Ziel ist es, Möglichkeiten zu nutzen und Bürger_innen zu aktivieren, ihren Stadtteil mitzugestalten. Die Nutzung der demokratischen Strukturen und damit verbundene Erfolgserlebnisse fördern das Demokratieverständnis und lassen eine Sensibilität für demokratiefeindliche Strukturen entstehen.

Gemeinwesenarbeit hat das soziale Zusammenleben im Blick
Mitarbeiter_innen der GWA haben Einblick in die Lebenswelt der Bewohner_innen. Sie arbeiten überwiegend in Quartieren, in denen ein hoher Anteil armer Menschen lebt. Neben Unterstützung, wie der Alltag organisiert werden kann, wie z. B. Hilfe beim Ausfüllen von Formularen, Informationen über Ansprüche, Beschaffung von Hausrat sowie Reparaturen von z. B. elektrischen Geräten, fördern die Mitarbeitenden auch die Potenziale der Einzelnen, darüber die Eigeninitiative und die Selbstorganisation. Dies drückt sich wiederum in der Verbesserung der Lebensqualität und der Lebensfreude aus, auch wenn sich an den Rahmenbedingungen, z. B. dem Bezug von Hartz VI, nichts geändert hat. So dient ein Deutschkurs nicht nur dem Spracherwerb, sondern bedeutet, mindestens einmal die Woche einen Termin zu haben, auf den man sich freuen kann, bei dem man nette Menschen trifft und eine Lehrerin, die auch sonst für Fragen offen ist. So kann die eigene Nähbegeisterung in einer kleinen Änderungsschneiderei des Mehrgenerationenhauses sinnvoll genutzt oder die Computerkenntnisse in einem Anfängerkurs für Senior_innen weitergegeben werden. Solche Angebote tragen dazu bei, dass sich Gemeinschaften bilden, aus denen sich wieder neue Ideen entwickeln können, wie das Interesse an gemeinsamen Kino-Abenden oder anderes. Auch extrem Rechte wissen das und bieten z. B. in vielen ostdeutschen Bundesländern Beratung für Hartz IV Empfänger_innen an. Dagegen hilft, Lücken im Beratungsnetzwerk entgegenzuwirken, aber auch gemeinschaftsstiftende Angebote aufrecht zu erhalten bzw. wieder zu etablieren. GWA tritt für eine lebendige soziale Infrastruktur in den Stadtteilen ein.

Das soziale Zusammenleben im Stadtteil fördern heißt, verschiedenen Milieus Raum zu geben, sich aber ebenso nicht zu scheuen, Ausgrenzung, Stigmatisierung oder extrem rechte Parolen zu benennen und hier Grenzen zu ziehen. Es bedeutet auch, sich genau anzusehen, wer sich für Ehrenämter anbietet oder für eine Raumnutzung bewirbt. In diesem Sinne fördert GWA den sozialen Kitt, aber auch (im positiven Sinne) die soziale Kontrolle.

Gemeinwesenarbeit fördert sozio-kulturellen Pluralismus
Respekt und Toleranz gegenüber anderen zeigt sich unter anderem durch die Anerkennung verschiedener Traditionen, unterschiedlicher Problemlösungsstrategien und der Achtung differierender Lebenseinstellungen. Es kann ein Nebeneinander geben, z. B. die Raumvergabe an eine türkische Frauengruppe, kroatische Tanzgruppe oder afghanische Musikgruppe. Für alle gelten dabei die gleichen Nutzungsbedingungen und Verhaltensregeln. Zugleich sind die Angebote und die Struktur des Treffs so gestaltet, dass Interkulturalität sichtbar wird. Dies drückt sich in der Programm- und Raumgestaltung ebenso aus, wie in der Öffentlichkeitsarbeit, z. B. mehrsprachige Flyer. Hinzu kommt die gemeinsame Gestaltung von Kulturwochen, Straßenfesten oder anderen Feierlichkeiten. Vielleicht kann auch ein Beirat etabliert werden, in dem sich die verschiedenen Milieus spiegeln. In diesem Sinne fördert GWA die Ausbildung des Selbst-Bewusstseins. Extrem Rechte treten immer wieder für einen so genannten Ethnopluralismus ein. Darunter verstehen sie ein Nebeneinander der verschiedenen „Kulturen“, bei dem es zu keinen „Vermischungen“ kommt. GWA deckt die ausländerfeindlichen Inhalte dieser Haltung auf und zeigt in ihrem eigenen Handeln einen konstruktiven Umgang mit Verschiedenheit.

Eine Aufgabe der GWA ist es Netzwerke zu knüpfen. Sie hat im Blick, was im Stadtteil los ist und zwar auf unterschiedlichen Ebenen: Bewohner_innen, Institutionsvertreter_innen (z. B. Schule, Sozialbürgerhaus, Ärzt_innen), Geschäftsleute. Sie kennt andere Treffpunkte, evtl. Vereinshäuser, hat Kontakt zu den ortsansässigen Religionsgemeinschaften und den anderen Institutionen. Sie fördert die Auseinandersetzung mit Unterschieden und erkennt, wenn sich etwas verändert. Hierzu können z. B. die in der GWA üblichen Stadtteilspaziergänge dienen. Wer diese regelmäßig macht, erkennt, ob ein Straßenzug mit neuen Aufklebern bestückt wurde (und kann bei Fachstellen nachfragen, was diese symbolisieren). Wer gruppenspezifische Stadtteilbegehungen macht, kann erkennen, welche Orte zu Angsträumen⁶ werden und herausfinden, warum das so ist. Initiativen können gefördert oder inspiriert werden, wie z. B. interkulturelle Gärten oder internationale Bürgerhäuser. Dies alles trägt zur Gestaltung des öffentlichen Raums bei und schränkt diesbezüglich die Möglichkeiten für Rechtsextreme ein.

Wirtschaftliche Effekte der Gemeinwesenarbeit
Das Image eines Stadtteiles bewirkt, ob Menschen dort gerne hinziehen möchten, ob der Stadtteil als Durchgang gesehen wird oder ob der Stadtteil etwa als ausländerfeindlich gilt. Wird durch die Aktivitäten der GWA der Ruf der Gegend verbessert, kann sich die Bewohner_innen-Struktur verändern, die kulturellen Angebote erweitern sich, die lokale Ökonomie wächst, ja sogar eine verbesserte Verkehrsanbindung kann ermöglicht werden. Ist der Stadtteil eher Durchgang, können die Möglichkeiten der GWA bewirken, dass Einzelne ihre Potenziale so zu nutzen lernen, dass sie Arbeit finden. Die dann bessere finanzielle Situation hat zur Folge, dass sie in einen anderen Stadtteil umziehen können. Die Angebote der GWA können hier sein: Nachhilfe organisieren, Deutschkurse, Kompetenz- und Bewerbungstrainings, aber auch der Aufbau von Kinderbetreuung. Dies führt dazu, dass Arbeitsfähigkeit erhalten oder hergestellt wird. Gilt der Stadtteil als ausländerfeindlich, kann GWA ganz gezielt erst einmal an Interessen der Bewohner_innen anknüpfen. Bei Themen, die alle betreffen, wie z. B. eine Ampelschaltung, ein Zebrastreifen, können Verbesserungen im Stadtteil erreicht werden und dies mit einer Initiativgruppe, in der Deutsche und Nicht-Deutsche gemeinsam agieren und eine positive Veränderung erwirken. Die gemeinsame Arbeit an einem für alle wichtigen Thema ermöglicht, miteinander in Kontakt zu treten. Sobald Kontakt entsteht, können soziale Themen aufgegriffen und interkulturelle Aspekte mit eingebaut werden, um neue Perspektiven zu ermöglichen und darüber Lerneffekte und gegebenenfalls Einstellungsänderungen zu bewirken. Hier empfehlen sich Kooperationen mit anderen Einrichtungen und Projekten, die sich darauf spezialisiert haben.

Weitere Anregungsmöglichkeiten der GWA sind: Kleidertauschbörsen, ehrenamtliche Reparaturbetriebe, Nähkurse, das alles sind Elemente zur Organisation eines Alltages, für den wenig finanzielle Mittel zur Verfügung stehen. Dies alles bedarf Personal für die Planung und Durchführung. Hierüber können sich Personen für den Arbeitsmarkt qualifizieren oder sich einen Arbeitsplatz erarbeiten, wenn sich das so aufgebaute Geschäft etabliert (z. B. ein Second Hand Laden). Daneben kann ehrenamtlich oder durch die Kooperation mit Beratungsstellen an der Klärung von Leistungsansprüchen gearbeitet werden. Ein wesentlicher Bestandteil von GWA ist es, dass viel des Engagements über ehrenamtliche Arbeit organisiert wird und Projekte oder Sachmittel zu einem großen Teil über Spenden finanziert werden. GWA braucht daher gute Kontakte zu Firmen und Ressourcen für Öffentlichkeitsarbeit, um ihre Ideen bekannt zu machen. Aber auch hier gilt es zu prüfen, welche Firmen die Arbeit unterstützen möchten, denn sowohl der Firmeninhaber als auch das Personal können extrem rechts sein. Hier helfen eine klare vertragliche Regelung und ein Vorab-Einführungskurs mit den potenziellen Ehrenamtlichen.

Extrem Rechte gründen Unternehmen und schaffen Arbeitsplätze. Das kann der Versuch sein, eine Kneipe als Treffpunkt zu etablieren, wie z. B. im Münchner Stadtteil Berg am Laim oder einen Laden anzumieten, wie z. B. in Murnau. Hier gilt es wachsam zu sein, wer sich im Viertel ansiedelt und entsprechende extrem rechte Aktivitäten sofort öffentlich zu machen. Es gibt auch Kommunen, in denen z. B. ein extrem rechter Verlag seinen online-shop organisiert, wie in Geiselhöring bei Straubing. Extrem rechte Aktivitäten werden damit zum regionalen Arbeitgeber.

Zusammenfassend kann festgehalten werden, dass in Bezug auf Aktivitäten gegen Rechtsextremismus, eine engagierte Gemeinwesenarbeit hilfreich ist. Dafür bedarf es dauerhafter Strukturen, um Erfahrungswissen aufbauen und auf ein vielschichtiges Netzwerk zurückgreifen zu können. Zu empfehlen ist, dass in Kooperation mit Fachstellen immer wieder spezielle Angebote organisiert bzw. Ideen und Vorschläge der Bewohner_innen aufgegriffen und mit ihnen gemeinsam bearbeitet werden. Dabei dürfen keine Konflikte gescheut werden.

 

Fußnoten
 ¹ Dies kann unterschiedliche Gründe haben, z. B. können sie in einer Lebensphase sein, in der sie von diversen sozialen Institutionen abhängig sind.

² "Aktivierende Befragung ist eine Methode, die in der Gemeinwesenarbeit entwickelt wurde. Die Bürgerinnen und Bürger eines Wohngebiets oder Stadtteils werden nicht nur nach ihren Meinungen und Einstellungen befragt, sondern gleichzeitig dazu angeregt und ermutigt, aktiv zu werden, für ihre Interessen einzutreten und bei der Lösung von Problemen im Gemeinwesen mitzuwirken.“ www.buergergesellschaft.de/praxishilfen/aktivierende-befragung/104060/ (Zugriff 15.08.2011).

³ Mehr dazu unter www.regsam.net.

⁴ Informationen hierzu unter www.muenchen.de/Rathaus/scu/wir/lvo/327998/index.html.

⁵ "Die Bezirksausschüsse sind lokale Organe der Landeshauptstadt München mit Antrags-, Entscheidungs-, Anhörungs- und Unterrichtungsrechten. Ihre Aufgabe ist die Unterstützung und Durchsetzung von stadtteilbezogenen Anliegen der Bürgerinnen und Bürger. Zahlreiche Empfehlungen aus den jeweiligen Bürgerversammlungen, die sich auf das Stadtviertel beziehen, werden vom "Stadtteil-Parlament" in eigener Verantwortung behandelt.“ (www.muenchen.de/Rathaus/politik_ba/98578/index.html, Zugriff, 19.08.2011).

⁶ In Dortmund gibt es, so wurde auf einer Tagung berichtet, einen ganzen Stadtteil „Dorstfeld“, der als Angstzone gilt.

 

Literaturangaben
 Alinsky, Saul (21999 ): Anleitung zum Mächtigsein. Ausgewählte Schriften. Göttingen.

Elsen, Susanne (1998): Gemeinwesenökonomie – eine Antwort auf Arbeitslosigkeit, Armut und soziale Ausgrenzung? Neuwied u.a.

Lüttringhaus, Maria; Richers, Hille (22007): Handbuch Aktivierende Befragung. Konzepte, Erfahrungen, Tipps für die Praxis. Arbeitshilfen für Selbsthilfe- und Bürgerinitiativen Nr. 29. Bonn.

Oelschlägel, Dieter (ohne Datum): Gemeinwesenarbeit in der sozialen Stadtentwicklung – Profilierung und Vernetzung auf Bundesebene. www.bagsozialestadtentwicklung.de/fileadmin/Referat_Oelschlaegel_Stadtentwicklung.pdf (Zugriff 24.01.2012)

Roth, Roland (2010): Demokratie braucht Qualität. Beispiele guter Praxis und Handlungsempfehlungen für erfolgreiches Engagement gegen Rechtsextremismus. Berlin. library.fes.de/pdf-files/do/07303.pdf