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Belange des Deutschtums - Die Burschenschaften und die Sudetendeutschen

30.06.2011 Aktuelles

Die Fachinformationsstelle Rechtsextremismus in München (firm) und a.i.d.a. informieren im Vorfeld des Burschenschafter-Kommerses am 16. Juli 2011 mit einer Artikelserie über die "Deutsche Burschenschaft" (DB) und die "Burschenschaftliche Gemeinschaft" (BG). Der Beitrag von Jörg Kronauer widmet sich der Thematik "Belange des Deutschtums. Die Burschenschaften und die Sudetendeutschen."

Der am weitesten rechtsaußen stehende Zusammenschluss von Burschenschaftern überhaupt, die aus deutschen und österreichischen Burschenschaften bestehende Organisation "Burschenschaftliche Gemeinschaft" (BG), plant ihr 50-jähriges Bestehen mit einem "Festkommers" in München zu feiern. Nach Informationen Münchner Antifaschist_innen soll dieser am Abend des 16. Juli im "Sudetendeutschen Haus" stattfinden, in dem im Laufe des letzten Jahres mehrere Veranstaltungen der extremen Rechten stattgefunden haben oder stattfinden sollten.

Belange des Deutschtums.
Die Burschenschaften und die Sudetendeutschen

Mitte März 2011 schlugen Hinweise auf offensichtliche Rechtsaußen-Kontakte der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Bayreuth kleine Wellen. Eigentlich war nichts Besonderes geschehen. Der lokale Ableger der Landsmannschaft hatte eine Gedenkveranstaltung durchgeführt, die an die tschechoslowakischen März-Unruhen des Jahres 1919 erinnerte. Damals waren Dutzende deutschsprachige Bürgerinnen und Bürger des Landes bei Auseinandersetzungen mit den Repressionsapparaten zu Tode gekommen, als sie für die Abspaltung der "Sudetengebiete" aus der wenige Monate jungen Tschechoslowakei demonstrierten. Auf der Gedenkveranstaltung hatte der Bayreuther Oberbürgermeister Michael Hohl die Festrede gehalten und einen Kranz niedergelegt. Eine Fahnenabordnung verlieh der Feier Pathos: Die Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth war wie üblich mit ihrer schwarz-weiß-roten Flagge zugegen. Die Burschenschaft Thessalia zu Prag? Der Reporter des Nordbayerischen Kurier stutzte: Hatte die Thessalia nicht erst kurz zuvor für Schlagzeilen gesorgt, weil sie einen Redakteur des Rechtsaußen-Blattes Junge Freiheit zum Vortrag eingeladen hatte und zudem einer ihrer Aktivisten für die NPD tätig war? Die Bayreuther Kreisvorsitzende der Sudetendeutschen Landsmannschaft suchte abzuwiegeln: Ja, es stimme, dass sich immer wieder NPD'ler an Burschenschaften heranmachten; die Thessalia aber sei bestimmt "nicht extrem rechts". Ihre Beteuerungen halfen nichts: Der Bericht des Nordbayerischen Kurier über die Teilnahme der Rechtsaußen-Burschenschaft an der sudetendeutschen Gedenkfeier löste eine kleine Debatte in der lokalen Öffentlichkeit aus.

"Deutschtums"-Fans
Der Auftritt der Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth bei einer Gedenkveranstaltung der Sudetendeutschen Landsmannschaft ist nun nichts, was aus dem Rahmen fällt. Burschenschaften sind in vielfältiger Weise mit den Umgesiedelten verbunden; das gilt selbstverständlich auch für die Sudetendeutschen. Die Beziehungen sind ganz unterschiedlicher Art. Sie reichen von personellen Verknüpfungen und gemeinsamen öffentlichen Auftritten über identische politische Ziele bis hin zu historischen Affinitäten. Die gemeinsame Geschichte geht dabei zurück bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Damals kam es in denjenigen Gebieten des Habsburgerreichs, aus denen nach dem Ersten Weltkrieg die Tschechoslowakei gebildet werden sollte, zu den ersten gravierenden Auseinandersetzungen zwischen "Deutschtums"-Fanatikerinnen und -Fanatikern einerseits und tschechisch oder slowakisch sprechenden Bürgerinnen und Bürgern andererseits. Aus dem Milieu der "Deutschtümler" gingen dann später die politisch aktiven Kreise der Sudetendeutschen hervor.

In genau diesem "Deutschtümler"-Milieu bildeten sich im 19. Jahrhundert auch Burschenschaften heraus. Eine von ihnen war die 1896 gegründete Burschenschaft Elektra, die am Elektrotechnikum Teplitz-Schönau (heute: Teplice) ansässig war. Auch an der Hochschule in Brünn (heute: Brno) entstanden Burschenschaften, 1884 die Libertas, 1911 die Suevia. Über ihre damaligen "Deutschtums-"-Aktivitäten berichtet die Burschenschaft Libertas, die heute in Aachen ansässig ist: "Abwehrmaßnahmen gegen die fortschreitende Tschechisierung der Stadt Brünn und ihrer Umgebung blieben die Hauptaufgabe". Weil es in den deutschsprachigen Gebieten der späteren Tschechoslowakei kaum Hochschulen gab, gingen viele junge "Deutschtums"-Kämpfer zum Studium nach Prag oder Wien, wo sie oft eigene Verbindungen gründeten - so etwa die von Brünnern gegründete und nach Brünn benannte Wiener Burschenschaft Bruna. Eine dieser Verbindungen, die von Studenten aus Olmütz (heute: Olomouc) ins Leben gerufene Burschenschaft Markomannia Wien, die heute in Passau ansässig ist, ernannte 1920 einen gewissen Rudolf Jung zu ihrem "Ehrensenior" - für seine "Verdienste um die Deutschen im Sudetenland". Verdienste? Jung hatte seit 1907 in der völkisch-alldeutschen Deutschen Arbeiterpartei (DAP) "Deutschtums"-Agitation betrieben und der DAP, die sich 1918 in Deutsche Nationalsozialistische Arbeiterpartei (DNSAP) umbenannt hatte, 1919 mit seinem Buch "Der nationale Sozialismus" eine Art Programmschrift verpasst. Das "jüdische Volk" habe "aus einer Anzahl geradezu unmöglicher Rassenmischungen" die "schlechtesten Eigenschaften" mitbekommen, erklärte der "Ehrensenior" und Nationalsozialist Jung in seinem Pamphlet.

Der Traum der Urburschenschaft
 Auch nach der Gründung der Tschechoslowakei setzten Burschenschafter etwa in Brünn ihre "Deutschtums"-Aktivitäten fort - gemeinsam mit den Organisationen der "Sudetendeutschen". So berichtet die heute in Regensburg ansässige Alte Brünner Burschenschaft Suevia, sie sei "in vielen Belangen des Deutschtums in Brünn, sowie bei Sonnwendfeiern, in Turnvereinen, beim Schaufechten und bei Erntelagern im Schönhengstgau […] aktiv" gewesen. Die Burschenschaft Libertas Brünn zu Aachen schreibt über ihren "Volkstumskampf im tschechischen Staat": "Die Liberten der damaligen Zeit [sahen] ihre Hauptaufgabe in der Einigung aller deutschen Studenten als Vorstufe für die Vereinigung aller Deutschen zu einem geschlossenen Staatswesen". "Natürlich konnten die politischen Ereignisse im Deutschen Reich und später die Einigungsbestrebungen Konrad Henleins nicht ohne Auswirkungen auf das Leben in der Libertas bleiben", erklärt die Libertas: "Mußte es doch scheinen, als wäre Hitlers Politik der richtige Weg, den Traum der Urburschenschaft, ein geeintes Deutsches Reich zu schaffen, zu verwirklichen."

Nach der Befreiung Europas vom Nationalsozialismus wurden die Sudetendeutschen umgesiedelt - und auch ihre Burschenschaften mussten ins bundesdeutsche oder ins österreichische "Exil". Die meisten von ihnen fassten dort tatsächlich wieder Fuß: Aus der Burschenschaft Libertas zu Brünn wurde die Burschenschaft Libertas Brünn zu Aachen, aus der Burschenschaft Thessalia zu Prag die Burschenschaft Thessalia zu Prag in Bayreuth, aus mehreren erkennbar sudetendeutsch geprägten Burschenschaften unterschiedlicher Herkunft entstand die Münchener Burschenschaft Sudetia. In aller Regel waren die früheren "Deutschtums"-Aktivisten als Alte Herren weiterhin präsent, und sie prägten die Orientierung der "Exil"-Burschenschaften maßgeblich mit. Bis heute hat ihr Ursprung in den Sudetengebieten für die traditionsfixierten "Exil"-Burschenschaften hohe Bedeutung. Dies drückt sich nicht nur darin aus, dass sie ihre Frühgeschichte in ihren Selbstdarstellungen umfassend würdigen. Sie unternehmen etwa auch immer wieder Fahrten in ihre Herkunftsstädte.

Zu viel Tumult um die Shoah
Dabei gehören die Herren Burschenschafter, die bei solchen Gelegenheiten etwa Brno oder Teplice heimsuchen, nicht selten zu den Rechtesten unter den Rechten. Als sich zum Beispiel im Oktober 2008 einige Alte Herren der Burschenschaft Elektra Teplitz zu München während ihres gemeinsamen Aufenthalts im tschechischen Teplice fotografieren ließen, lag ein Ereignis, das ihnen überregionale Aufmerksamkeit verschafft hatte, erst wenige Jahre zurück. Die Elektra hatte nicht nur in der Zeitschrift Nation und Europa um Mitglieder geworben, die damals eine der bedeutendsten Zeitschriften der extremen Rechten in Deutschland war. Vor allem hatte ihr Sprecher sich ein wenig zu weit aus dem Fenster gehängt. Im Gespräch mit zwei Journalisten hatte er auf die Frage, ob Juden Mitglieder in seiner Burschenschaft werden könnten, geantwortet, das sei wohl nicht möglich: "Weil sie nicht in den christlichen Kulturkreis passen." Um die Shoah werde, meinte er, "viel zu viel Tumult" gemacht; schließlich seien die "Verbrennungen der Juden eine wirtschaftliche Notwendigkeit" gewesen. Der Elektra-Aktivist ergänzte dann noch, mit dem Mord in Gaskammern habe er "keine Probleme".

Nun gibt es durchaus historische Ereignisse, mit denen die Burschenschaft Elektra Teplitz zu München "Probleme" hat. Vor allem die Umsiedlung der Sudetendeutschen und ihre juristische Grundlage, die Beneš-Gesetze, zählen dazu. Hinsichtlich der Umsiedlung und der Beneš-Gesetze sind sich die sudetendeutschen Burschenschaften mit sämtlichen anderen Burschenschaften einig. So heißt es etwa im Handbuch der Deutschen Burschenschaft, die "rücksichtslose Vertreibung" der Sudetendeutschen "durch die Tschechen im Jahre 1945" sei "wie jede andere Vertreibung bitteres Unrecht" gewesen. Die Burschenschaftliche Gemeinschaft, der unter anderem die Elektra Teplitz angehört, vertritt den Standpunkt, "ein friedliches Zusammenwachsen der europäischen Völker auf gleicher Augenhöhe im Rahmen der Europäischen Union" könne sich "ohne Beseitigung der Benes-Dekrete nicht entwickeln". Diese grundlegenden "Probleme" wiederum teilen die Burschenschaften mit der Sudetendeutschen Landsmannschaft, und so erklärt es sich ganz leicht, dass immer wieder Burschenschafter innerhalb der Landsmannschaft aktiv werden. Bekannte Beispiele sind Karl Katary von der Wiener Akademischen Burschenschaft Bruna Sudetia, der als Rechtsreferent der Sudetendeutschen Landsmannschaft in Österreich tätig ist, und Hans-Ulrich Kopp von der Burschenschaft Danubia München. Kopp ist stellvertretender Bundesvorsitzender des Witikobundes, der wiederum den rechtesten Flügel der Sudetendeutschen umfasst.

Annexion
Die Sorge der Burschenschaften um die Sudetendeutschen ist umfassend. Sie erstreckt sich nicht nur auf Gedenkveranstaltungen wie die Feierstunde im März in Bayreuth, sondern auch auf ganz trockene juristische Fragen. Etwa auf diejenige, wie das Münchner Diktat zu beurteilen sei, durch das in den frühen Morgenstunden des 30. September 1938 die Sudetengebiete zur Annexion durch das Deutsche Reich freigegeben wurden. Annexion? Zu diesem Thema hat im Jahr 2006 die Burschenschaft Normannia-Nibelungen zu Bielefeld einen Rechtsanwalt befragt, und der hat die Burschenschafter gründlich aufgeklärt. Nicht das Münchner Diktat, sondern "die Eingliederung der sudetendeutschen Volksgruppe in den tschechisch dominierten Staat" - gemeint ist die Gründung der Tschechoslowakei im Jahr 1918 - habe "den Tatbestand der Annexion erfüllt", erläuterte der Mann den Normannen-Nibelungen. Das Münchner Diktat hingegen sei juristisch in keinster Weise zu beanstanden. Die Deutsche Burschenschaft hat den Behauptungen des Rechtsanwalts in vollster Erkenntnis ihrer Tragweite einen prominenten Platz in ihrer Öffentlichkeitsarbeit eingeräumt: Eine Zusammenfassung seiner Thesen ist auf der offiziellen Website des Dachverbandes, dem immerhin ein Bundesminister (Peter Ramsauer) und mehrere Bundestagsabgeordnete angehören, nachzulesen.

 

Bereits am 17. Juni 2011 ist in derselben Artikelreihe ein Beitrag von Michael Mende zum Thema "Die "Burschenschaftliche Gemeinschaft" und ihre Positionen" erschienen.

Update: Zum am 16. Juli geplanten „Festkommers“ der Burschenschaftliche Gemeinschaft in München findet am Montag, dem 11. Juli um 19 Uhr, eine Informations- und Diskussionsveranstaltung mit einem Vortrag von Michael Mende über Weltbild, Geschichte und die Rolle von Burschenschaften in der rechten Szene statt. Ort: Jugendinformationszentrum (JIZ), München

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