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Die mit den Händen tanzt

Gebärdensprach-Dolmetscherin Laura Schwengber macht Musik sichtbar.

Taube Menschen nehmen Konzerte ganz anders wahr als Hörende. Gebärdensprachdolmetscher*innen wie Laura Schwengber sorgen dafür, dass Festivals und Konzerte auch für taube und schwerhörige Menschen barrierefreier werden. Wie sie arbeitet, erzählt sie Sonja Schmid im Interview.

 

 

 

 

 

Interview mit Laura Schwengber von Sonja Schmid

Wenn du jetzt für ein Konzert gebucht wirst, wie bereitest du dich denn darauf vor? Tanzt du dann zu Hause in deiner Wohnung das ganze Album nach oder wie kann ich mir das vorstellen?

Ja das hab ich ganz lange gemacht, bis meine Nachbarn irgendwann sagten: „Ähhh. Wir haben da mal eine Frage: (lacht) Was tust du da die ganze Zeit?“ Die Vorbereitung für ein Konzert startet eigentlich schon viel viel länger, als die Anfrage überhaupt da ist. Also ich muss irgendwie das ganze Jahr über gucken, dass ich so ein bisschen fit bin. Ich versuch ziemlich viel Sport zu machen, um irgendwie so das Pensum zu halten. Und wenn ich dann konkret weiß, um welche Bands es geht – gerade bei Festivals ist das oft bis kurz vor knapp, manchmal bis paar Stunden vorher nicht klar, welche Bands werden jetzt wirklich gedolmetscht, ähm versuch ich einfach viel zu hören, von den Bands, die da sind oder von der einen Band, die wahrscheinlich in Frage kommt. Manchmal habe ich auch schon vorher die Setlisten, dann kann ich mir genau die Songs angucken und dann versuch ich die soweit zu lernen oder so lange immer wieder zu hören, bis ich quasi mitsingen kann.

Weil du gesagt hast, es ist anstrengend: Wie lang darf das Konzert sein? Also wie lang hältst du durch?

Zum Glück sind ja so Konzert auch immer so´n bisschen gestaffelt. Also auch die Band hat irgendwann so´n kleinen Hänger und das merkt man dann so ah jetzt spielen sie eine Ballade. Alles klar. Jetzt wird es ein bisschen ruhiger, damit alle einmal atmen können. Das hilft auch mir total. Und so, ich glaub unser Rekord sind neun Konzerte an einem Wochenende. Das war schon ganz schön viel (lacht). Ansonsten so´n Standartkonzert mit 90 Minuten oder auch mal ähm wir hatten auch schon 180 Minuten. Das funktioniert gut, wenn ich das vorher weiß. Und am Tag danach versuch ich mir dann frei zu nehmen – muss ich auch, weil ich adaptier dann immer so ne kleine Miezekatze und der Muskelkater lässt mich dann eigentlich nicht wirklich arbeiten am nächsten Tag.

Viele Songs sind ja auf Englisch. Wie funktioniert das dann? Ich dolmetsche aus dem Englischen direkt in die deutsche Gebärdensprache. Und wir hatten mal überlegt, ob wir das in ASL – also in die amerikanische Gebärdensprache dolmetschen oder in die britische. Da ich aber keine der beiden kann, viel das aus und auch das Publikum hat gesagt: „Hey ähm wir können halt auch am aller besten die deutsche Gebärdensprache. Also mach das mal weiter in die deutsche.“ Deswegen haben wir da so eine Absprache gefunden mit den Leuten, die bisher zumindest auf den Konzerten waren und ich hab das große Glück, dass ich an der Uni ganz gute Englischkurse hatte und so. Seien wir mal ehrlich: Das meißte ist ja auch nicht so rocket science. Sondern in der Regel hat sich irgendwer von irgendwem getrennt (lacht), ist auf langen Reisen und so ganz ganz philosophische Sachen ähm ist jetzt zumindest in diesen Pop-Sachen oft nicht.

Simultan dolmetscht du nicht, sondern du bereitest dich vor und musst vorher dir dann die Texte übersetzen - erstmal aufs Deutsche oder?

Ich übersetze mir quasi alles vorher aus Sprachen, die ich gar nicht kann. Also wenn ich was Spanisches dolmetsche oder mein Französisch ist wahnsinnig schlecht. Also alles, was nicht Englisch und Deutsch ist, muss ich wirklich vorher übersetzen und dazu mal ich mir Comics. Und lerne das quasi anhand von so Bildergeschichten auswendig, was in dem Song passiert. Aber aus dem Englischen und aus dem Deutschen dolmetsche ich das tatsächlich simultan.

Fehlen dir auch manchmal bei dem Dolmetschen Gebärden?

Ja, bei Eigennamen ist das ganz oft so ein Problem. Ich hat jetzt grad so ne Phase, da hab ich total viel Deutschrap gehört und dachte so: „Boah. Wenn ich da mal nen Job hab und so Gucchi, Prada, keine Ahnung, diese ganzen Sachen (prustet und lacht) Die würde ich alle gar nicht kennen diese ganzen Vokabeln. Genauso äh Städtenamen ist so´n riesen Ding. Dadurch, dass wir… Wir haben keine quasi Hochsprache. Uns fehlt quasi der Luther. Niemand hat gesagt, dieser Dialekt ist das Hochdeutsche-Gebärdensprache DGS. Sondern wir haben ganz viele Dialekte, die so parallel bestehen. Und daraus folgt auch, dass wir nie so´n richtigen Duden hatten. Also wenn ich ´ne Vokabel vergesse, gibt es kein umfassendes Wörterbuch, wo ich sagen kann, da guck ich nach und das ist auf jeden Fall save ´ne richtige Info.

Es gibt ja auch Kritik an Konzerten mit Gebärdensprache. Also eine wär zum Beispiel, dass der Bedarf an Gebärdensprachdolmetschern im Alltag nicht gedeckt wird und – nur jetzt mal zum Vergleich – es gibt ca. 80.000 Gehörlose in Deutschland, aber nur 600 Gebärdensprachdolmetscher – wenn ich jetzt die Zahlen richtig hab. Da ist ja dann die Kritik, wenn du jetzt auf einem Konzert dolmetschst, dass du quasi an anderer Stelle, die vielleicht wichtiger wäre, fehlen würdest. Wie stehst du zu dieser Kritik?

Ich finds total gerechtfertigt zu sagen, dass wir viel zu wenig Kolleginnen und Kollegen sind. Das ist ne Situation, die ich echt unerträglich finde, weil die uns alle auch gleichermaßen betrifft. Also wir tun immer so, als ob wir Gebärdensprachdolmetschende nur für die Tauben da sind, weil die ja nicht hören können. Aber – um ehrlich zu sein – sind wir da, weil der Rest der Welt einfach keine Gebärdensprache kann. Den Tauben fehlt nichts. Uns fehlt was, weil wir nicht gebärden. Und natürlich, in dem Moment, in dem ich auf der Bühne stehe, mich auf irgendwas vorbereite und auch in dem Moment, in dem wir jetzt hier miteinander sprechen dolmetsche ich keinen Job. Das ist aber ne Entscheidung, die jede Dolmetscherin für sich selber treffen muss. Andere kriegen Kinder oder haben sogar sowas wie ein Privatleben und ein Hobby (lacht) Ganz verrückt. Das heißt, dass find ich, ist schon mal einer dieser Punkte, dass natürlich dieser Beruf mit ner sozialen Verantwortung verbunden ist. Aber halt immer noch so ist, dass man sagen muss, es ist einfach ein Beruf. Und zum anderen glaube ich, dass sich niemand anmaßen sollte zu sagen, das ist der wichtigere Job und der ist weniger wichtig. Ich glaube, dass ein Bedarf für kulturelle Teilhabe einfach nicht um 17 Uhr endet und dass wir aufhören müssen zu denken, dass taube Leute sich nur für Sachen interessieren, wenn es direkt um Taubheit geht oder um Behinderung und dann untertiteln wir mal nen Beitrag. Oder wenn ein tauber Mensch zum Arzt geht, das ist wirklich wichtig. Aber wenn ein tauber Mensch Spaß haben will und mit seinen Kindern oder seinen Freunden zusammen auf ein Festival gehen will: Ha, das kann er sich auch eigentlich schenken. So. Das find ich, ist halt nicht gerechtfertigt und ich glaube nicht, dass irgendjemand von uns sagen darf, wie jemand anders sein Wochenende verbringen darf.

Du bist ja auch viel auf Instagram unterwegs und auf deinem Kanal erklärst du, wie jeder Storys und Posts auch für blinde und taube Menschen zugänglich machen kann. Was gibt es denn da für Möglichkeiten, das jeder machen kann?

Barrierefrei Posten ist eigentlich gar nicht so schwierig. Zum Beispiel hat uns Heiko Kunert vom Blindenverband in Hamburg erklärt, dass man seine Bilder beschreiben kann. Und das ist im Prinzip ganz einfach, weil Instagram das abfragt unter den erweiterten Einstellungen klickt man einfach an und gibt da einen Alternativtext ein. Der kann auch ganz kurz sein und kann einfach nur sagen: Ein Selfie von irgendwem irgendwo. Und für taube Menschen kann man anfangen, einfach die Stichworte, um die es geht, in der eigenen Story oder auch in einem Video, das man postet, quasi als Untertitel einzufügen – entweder im Text oder eben durch einfach die Schrift dazu. Und so kann quasi jede Person einfach ein bisschen was dazu tun, dass Instagram oder überhaupt die sozialen Medien ein bisschen barrierefreier werden.

Man kennt dich ja primär eigentlich von den Konzerten, die du dolmetschst. Aber das ist ja nicht dein Arbeitsalltag. Wie sieht der denn eigentlich aus?

Mein Arbeitsalltag ist zum Glück super abwechslungsreich. Also ich äh dolmetsche viele Arzttermine. Bin aber auch fest in Teams eingebunden, bei denen wir also zum Beispiel Teamsitzungen dolmetschen. Das heißt, das sind dann Teams, die gemischt sind aus tauben und hörenden Menschen. Und auch immer wieder für Studierende, die also als taube Studierende dann an ganz normalen Regeluniversitäten unterwegs sind ähm und da auch in ganz vielen verschiedenen Fächern. Und ich hab jetzt auch schon, ich glaub, drei Mal Abitur gemacht. Das ist ziemlich fancy. Abitur dolmetschen macht total Spaß, weil jede Lehrerin das irgendwie anders unterrichtet und man immer wieder was Neues lernt. Das ist ziemlich gut, das kann ich sehr empfehlen: Einfach nochmal Abi machen.

Gut, das war‘s von meiner Seite auch schon. Danke, dass du dir Zeit genommen hast.

 

Sehr gerne. Vielen Dank.