Am 18. April 2026 fand in München zum sechsten Mal der sogenannte „Marsch fürs Leben“ statt. Rund 2.300 Personen beteiligten sich an der Demonstration des Vereins „Stimme der Stillen“, der sich gegen das Recht auf Schwangerschaftsabbrüche positioniert. Die Veranstalter*innen kommunizierten im Anschluss die Teilnehmendenzahl von 7.000 Personen, in szeneeigenen Medien war die Rede von einem „Teilnehmerrekord“. Die Mobilisierung blieb jedoch – wie schon im vergangen Jahr - hinter den im Vorfeld formulierten Erwartungen zurück.
Die Demonstration war stark religiös aufgeladen. Zahlreiche Teilnehmende trugen Kreuze, Kruzifixe, Rosenkränze oder Medaillons; orthodoxe Ikonenbilder wurden sichtbar durch den Demonstrationszug getragen. Die Außendarstellung des Marsches setzte erneut auf eine Mischung aus familienfreundlicher Event-Ästhetik und religiös-politischer Mobilisierung: Hüpfburg, Kinderschminken und Luftballons standen neben agitatorischen Sprechchören und klar politischen Forderungen.
Auffällig war zudem der Versuch, den Marsch als gesellschaftlich breit getragenes Ereignis zu inszenieren. Moderator Christian Schumacher verlas Grußworte hochrangiger katholischer Würdenträger, darunter des Kölner Kardinals Rainer Maria Woelki, des Passauer Bischofs Stefan Oster sowie des ehemaligen Apostolischen Nuntius in Deutschland Nikola Eterović. Zusätzlich wurde eine Videobotschaft des US-amerikanischen Bischofs Robert Barron eingespielt, der den Kulturkampf gegen liberale Abtreibungsgesetze ausdrücklich als internationalen Konflikt beschrieb. Barron wird von Expert*innen kritisiert, weil er ideologisch der „MAGA“-Bewegung nahesteht und für eine zunehmende Polarisierung innerhalb der Kirche steht.
Im Vorfeld der Veranstaltung wurde versucht, öffentlichen Druck auf den Münchner Kardinal Reinhard Marx auszuüben, nachdem dieser sich geweigert hatte, ein Grußwort für den Marsch zu verfassen. Die Kritik an Marx verweist auf innerkirchliche Konfliktlinien zwischen rechtskatholischen Aktivist*innen und moderateren Teilen der katholischen Kirche.
Zentrale Rolle innerhalb der Veranstaltung spielte erneut das rechtskatholische Netzwerk „Tradition, Familie und Privateigentum“(TFP). Mit Mathias von Gersdorff trat ein langjähriger Akteur der deutschsprachigen rechtsklerikalen Szene als Hauptredner auf. In seiner Rede zeichnete er das Bild eines angeblichen „Feldzugs gegen das Leben“ und verband antifeministische Positionen mit kulturkämpferischer und verschwörungsideologischer Rhetorik. Gersdorff sprach von einer „Kultur des Todes“, griff öffentlich-rechtliche Medien an, behauptete eine gezielte „Gehirnwäsche“ gegen „Lebensrechtler“ und deutete den Konflikt ausdrücklich als „geistigen Kampf“ gegen das Böse und den Teufel selbst. Wiederholt stilisierte er sich und die Teilnehmenden als verfolgte Minderheit.
Dabei verband er aktuelle politische Debatten – etwa um Schwangerschaftsabbrüche, Gesundheitsversorgung oder Familienpolitik – mit einem fundamentalistischen Weltbild. Die Rede zeigte exemplarisch, wie anschlussfähig Teile der „Lebensschutz“-Bewegung für autoritäre, demokratiefeindliche und verschwörungsideologische Narrative ist.
Neben TFP waren zahlreiche weitere Organisationen aus dem christlich-fundamentalistischen bzw. „Lebensschutz“-Spektrum mit Infoständen vertreten, darunter „CitizenGo“, „ProLife Europe“, „1000plus-profemina“, „Aktion Leben“, „Stiftung Ja zum Leben“, „Kaleb“, „Aktion Lebensrecht für Alle“ sowie „Sundaysforlife“. Die Zusammensetzung verdeutlicht die enge Vernetzung konservativ-katholischer, evangelikaler und antifeministischer Strukturen.
Auch rechtsklerikale Gruppierungen wie „Christkönigtum“ traten sichtbar in Erscheinung. Mitglieder des Vereins übernahmen nach eigenen Angaben beim anschließenden Vernetzungstreffen im Augustinerkeller Teile des Sicherheitspersonals. Das Umfeld gilt als ideologisch streng traditionalistisch bzw. monarchistisch, einzelne Akteur*innen traten mit queerfeindlichen Äußerungen in Erscheinung.
Obianuju Ekeocha präsentierte in ihrer Rede Schwangerschaftsabbrüche als „westliches“ Projekt, das afrikanischen Staaten gegen deren Willen aufgezwungen werde. Sie griff insbesondere internationale Organisationen und Entwicklungsprogramme an und behauptete, europäische Regierungen würden gezielt die Legalisierung von Abtreibungen in Afrika fördern. Die Argumentation folgt einem in internationalen rechtskatholischen Netzwerken verbreiteten Narrativ, wonach reproduktive Rechte Ausdruck eines moralisch dekadenten „Westens“ seien. Gleichzeitig inszenierte Ekeocha die „Lebensschutz“-Bewegung als globale Widerstandsbewegung gegen Liberalismus, Feminismus und säkulare Gesellschaftsentwürfe.
Besonders auffällig war 2026 die deutlich sichtbare Beteiligung von Personen aus dem Umfeld der AfD sowie ihrer neu gegründeten Jugendorganisation „Generation Deutschland“. Unter den Teilnehmenden befanden sich mehrere bekannte AfD-Aktivisten und Funktionäre, darunter Jan Schiffers, Stefan Jahnel, Peter Ditges, Helmut Strauf und Misha Bösenecker. Der bayerische Landtagsabgeordnete Franz Schmid nahm ebenfalls teil, einige Tage zuvor hatte er in einer Rede im Landtag zu der Demonstration aufgerufen. Auch Akteure mit Verbindungen zur „Identitären Bewegung“ bzw. zum extrem rechten Vorfeld nahmen an der Veranstaltung teil.
Anstelle eines Wochenendprogramms für den Anti-Choice-Nachwuchs organsierten die „Jugend für das Leben“ und „ProLife Europe“ dieses Jahr lediglich einen „Pro Life Tag“. Referent war Moritz S., der einen Vortrag mit dem Titel „Erfolgreicher Aktivismus“ hielt. S. stammt aus dem Umfeld der „Demo für Alle“ und der sogenannten „Neuen Rechten“.
Die Zusammensetzung des Teilnehmerfeldes verweist auf die politische Vernetzung innerhalb der antifeministischen Mobilisierung: Der „Marsch fürs Leben“ fungiert als Plattform, auf der rechtskatholische Milieus, Pandemieleugner*innen-Szene, autoritäre Christ*innen und extrem rechte Akteur*innen zusammenkommen.
Begleitet wurde der Marsch von feministischen Gegenprotesten. Eine Blockadeaktion verzögerte zeitweise den Ablauf der Demonstration und führte dazu, dass der Demonstrationszug zwischenzeitlich geteilt wurde. Die Gegenproteste richteten sich insbesondere gegen antifeministische Ideologien, queerfeindliche Positionen und die Beteiligung extrem rechter Akteur*innen am „Marsch fürs Leben“.
In der Blockadesituation kam es zudem zu einem tätlichen Angriff: Ein Teilnehmer des „Marsch fürs Leben“ schlug auf einen jungen Gegendemonstranten ein und musste durch Polizeikräfte zurückgezogen werden. Der Vorfall steht im Kontrast zur wiederholt betonten Selbstdarstellung der Veranstalter*innen als ausschließlich „friedliche“ Bewegung.
Der Münchner „Marsch fürs Leben“ 2026 zeigte erneut, dass es sich bei der Veranstaltung nicht um einen rein religiös motivierten Protest gegen Schwangerschaftsabbrüche handelt. Vielmehr fungiert der Marsch als Vernetzungsplattform unterschiedlicher rechter, autoritärer und antifeministischer Milieus.
Insbesondere die Präsenz rechtsklerikaler Organisationen, die Beteiligung von AfD-Funktionär*innen sowie die ideologische Nähe zu verschwörungsideologischen und extrem rechten Narrativen markieren die politische Verschiebung des Spektrums, die sich seit einigen Jahren vollzieht. Gleichzeitig bemühen sich die Organisator*innen weiterhin um gesellschaftliche Anschlussfähigkeit – etwa über kirchliche Legitimation, familienfreundliche Inszenierungen und internationale Vernetzung.